18.11.2019: Aufsichtsprioritäten der EZB geben neue Richtung für 2020 vor.

EZB Gebäude in Frankfurt am Main

Anfang Oktober 2019 veröffentlichte die Europäische Zentralbank (EZB) die Aufsichtsprioritäten des einheitlichen Aufsichtsmechanismus (Single Supervisory Mechanism – SSM) für 2020, welche die Schwerpunkte der Aufsichtstätigkeit der EZB für das kommende Jahr vorgeben. Diese ergeben sich aus den gegenwärtigen wirtschaftlichen, regulatorischen und aufsichtlichen Umfeld. Zusammen mit den zuständigen nationalen Behörden hat die EZB die Risikofaktoren im Bankensektor (siehe Risikobericht 2020 der EZB) ermittelt, mit Hilfe derer sie ihre Aufsichtsprioritäten überprüft hat. Zu den wesentlichen Risiken, denen die Institute im Euroraum ausgesetzt sind, zählen:

  • Herausforderungen in Wirtschaft, Politik und Schuldentragfähigkeit im Euroraum,
  • Tragfähigkeit der Geschäftsmodelle,
  • Cyberkriminalität und IT-Mängel,
  • Risiken, die mit notleidenden Krediten (NPL) verbunden sind,
  • gelockerte Kreditvergaberichtlinien,
  • Neubewertung von Risiken an den Finanzmärkten,
  • Geldwäsche/Terrorismusfinanzierung,
  • Brexit,
  • globale Aussichten zu geopolitischen Unsicherheiten,
  • Reaktionen auf Regulierungsvorschriften,
  • durch den Klimawandel bedingte Risiken.

Da sich die Risiken von Jahr zu Jahr gewandelt haben, war die EZB gezwungen ihre Aufsichtsprioritäten neu auszurichten. Lag der Aufsichtsschwerpunkt in den vergangenen Jahren auf der Solidität der Bilanzen, so hat er sich nun mehr auf die künftige Widerstandsfähigkeit der Kreditinstitute und die Tragfähigkeit ihrer Geschäftsmodelle verlagert. Die folgenden Prioritätsbereiche wurden für das Jahr 2020 festgelegt:

  • Weiterführung der Bilanzierung
  • Stärkung der künftigen Widerstandsfähigkeit
  • andere Prioritäten

Im Folgenden möchten wir kurz die Aufsichtsprioritäten der EZB erläutern.

1. Weiterführung der Bilanzierung

Folgemaßnahmen zum NPL-Leitfaden

Obwohl Fortschritte beim Abbau der Bestände von notleidenden Krediten erzielt wurden, ist der Gesamtbestand an NPL nach wie vor erhöht. Mit den betroffenen Instituten will die EZB weiterhin zusammenarbeiten, um Altlasten von notleidenden Krediten zu reduzieren und den Aufbau neuer NPL-Bestände zu verhindern.

Folgemaßahmen zu auf internen Ratings basierenden Modellen

Die EZB wird weiter daran arbeiten, die Angemessenheit der internen Modelle, die die Kreditinstitute bei der Berechnung der Eigenkapitalanforderungen verwenden, zu sicherzustellen.

Handelsrisiken und Bewertung von Vermögenswerten

Die EZB wird ihre Vor-Ort-Prüfungen fortsetzen, wobei der Fokus verstärkt auf Handels- und Marktrisiken liegen wird.

2. Stärkung der künftigen Widerstandsfähigkeit

Qualität der Kreditvergaberichtlinien und der Engagements

Die EZB wird weiterhin die Qualität der Kreditvergaberichtlinien der Banken beurteilen und eine umfassende Analyse durchführen, um die Kreditvergabeprozesse der Kreditinstitute besser zu verstehen. Außerdem soll die Qualität von Engagements in bestimmten Bereichen, wie z.B. Immobilien und Leverage Finance, im Rahmen von Vor-Ort-Prüfungen untersucht werden.

Kapital- und Liquiditätssteuerung, ICAAP und ILAAP sowie weitere Integration in den SREP

Im Risikomanagement spielen die bankinternen Prozesse zur Sicherstellung einer angemessenen Kapital- (ICAAP) bzw. Liquiditätsausstattung (ILAAP) eine wichtige Rolle. Die EZB will weiterhin ein gemeinsames Verständnis ihrer Erwartungen fördern, um ICAAP und ILAAP der Banken zu verbessern. Darüber hinaus sollen spezielle Vor-Ort-Prüfungen zum ICAAP durchgeführt werden.

Tragfähigkeit des Geschäftsmodells

Die EZB plant Analysen zu den Geschäftsmodellen und zur Profitabilität der Kreditinstitute. Dabei sollen die Herausforderungen, die sich durch die zunehmende Digitalisierung ergeben, berücksichtigt werden.

IT- und Cyberrisiken

Im Rahmen von Vor-Ort-Prüfungen wird sich die EZB mit IT- und Cyberrisken für Kreditinstitute weiterhin beschäftigen und erwartet, dass die bedeutenden Institute nach wie vor ihre schwerwiegenden Cyber-Sicherheitsvorfälle an die Aufsicht melden.

Stresstests

Im kommenden Jahr wird neben dem EU-weiten Stresstest der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA), an dem eine Auswahl von bedeutenden Kreditinstituten teilnehmen wird, parallel der Stresstest der EZB für die übrigen bedeutenden Kreditinstitute stattfinden.

Governance

Um den Governance-Rahmen weiter zu verbessern plant die EZB, verstärkt zu prüfen, ob die Kreditinstitute die Erwartungen an die Governance erfüllen.

3. Andere Prioritäten

Folgearbeit zu den Brexit-Vorbereitungen

Die EZB bekräftigt ihre Erwartungen an die Kreditinstitute, sich auf alle möglichen Ergebnisse des Brexits vorzubereiten und die Umsetzung von Notfallmaßnahmen für einen ungeordneten Brexit zu finalisieren.

 

Neben den genannten Aufsichtsprioritäten für 2020, die laut EZB nicht vollständig sind, werden weitere Themen in die tägliche aufsichtliche Praxis einfließen, wie z.B. die Umsetzung des International Financial Reporting Standards 9 (IFRS 9).

Durch die Neuausrichtung der Aufsichtsprioritäten der EZB werden im Jahr 2020 neue regulatorische Hürden auf die Institute zukommen. Wir empfehlen den Instituten, anhand der Aufsichtsprioritäten der EZB ihre regulatorischen Maßnahmen zu bündeln.

Als Spezialist in der Entwicklung, Implementierung sowie Optimierung von Risikomodellen im Finanzsektor stehen wir Ihnen beim Risikomanagement mit unserer Expertise zur Seite.

 

Quelle: EZB


 

Zurück