02.10.2019: Nachhaltigkeitsrisiken – Institute müssen umdenken.

Pflanze, die zwischen dem Asphalt wächst

Institute müssen ihren Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten – davon ist die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) überzeugt. Die Finanzwirtschaft steht kurz vor einem Paradigmenwechsel, denn klimatische, umweltbezogene und soziale Veränderungen können materielle Risiken für einzelne Akteure oder sogar für den gesamten Finanzmarkt bergen. Viele Finanzinstitute unterschätzen diese Risiken jedoch. In Zukunft werden sie nicht umhinkönnen, ökologische und soziale Aspekte bei ihrer Risikobetrachtung zu berücksichtigen.

Seit geraumer Zeit beschäftigt sich die BaFin aktiv in allen Geschäftsbereichen mit dem Thema Nachhaltigkeit. Offiziell hat alles im Jahre 2017 mit der Gründung des Networks for Greening the Financial System (NGFS) begonnen. Im März 2018 erhob das BaFin-Direktorium Nachhaltigkeit zum strategisch wichtigen Ziel. Seitdem fördert sie auch die Integration von Nachhaltigkeitsaspekten bei den europäischen Aufsichtsbehörden. 2019 rief die BaFin ihre erste Konferenz zu nachhaltiger Finanzwirtschaft aus. Nun folgte der nächste Schritt: Am 23.09.2019 eröffnete die BaFin ein Konsultationsverfahren zu einem Merkblattentwurf für den Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken.

Mit dem Merkblatt setzt die BaFin ein richtungsweisendes Zeichen: Sie will alle von ihr beaufsichtigten Unternehmen wachrütteln und sie für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisieren. Sie erwartet von den Unternehmen, dass sie Nachhaltigkeitsrisiken in ihr Risikomanagement einbeziehen. Gleichzeitig ist der BaFin bewusst, dass auf Grund von Unsicherheiten über zukünftige Politik- und Klimaszenarien sich die Risiken nur schwer messen und steuern lassen. Folgend ist es daher aber notwendig, Prozesse anzupassen und neue Mess- und Steuerungsmodelle entsprechend des Risikoprofils der Unternehmen zu entwickeln. Das Merkblatt soll den Unternehmen eine Orientierung geben, wie sie mit dem Thema „Nachhaltigkeitsrisiken“ umgehen sollen, und zeigt dafür zahlreiche Beispiele und Leitfragen auf.

Wesentlichen Inhalte des Merkblatts zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken

Das Merkblatt definiert den Begriff Nachhaltigkeit im Sinne von ESG (Environmental, Social, Governance): „Nachhaltigkeitsrisiken […] sind Ereignisse oder Bedingungen aus den Bereichen Umwelt, Soziales oder Unternehmensführung, deren Eintreten tatsächlich oder potenziell erheblich negative Auswirkungen auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage sowie auf die Reputation eines Unternehmen haben können.“ (BaFin, 2019) Aus Sicht der BaFin sind alle ESG-Risiken zu berücksichtigen, die sich aus den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen ableiten lassen. Weiterhin erläutert die BaFin die Begriffe physische und transitorische Risiken, welche als Teil der bestehenden Risikoarten zunehmen werden. Physische Risiken sind Risiken, die auf Extremwettereignissen (z. B. Überflutungen, Stürme) oder auf langfristige klimatische oder ökologische Veränderungen (z. B. Meeresspiegelanstieg) zurückzuführen sind. Transitorische Risiken stehen im Zusammenhang mit der Umstellung auf eine emissionsarme Wirtschaft. Sie entstehen, wenn sich bestimmte Rahmenbedingungen, wie z.B. der Ausstieg aus der Atomenergie, ändern und sich dies auf die Bank und den Kunden auswirken wird. Ferner betont die BaFin, dass Nachhaltigkeitsrisiken als Aspekte der bestehenden Risikoarten wie Kreditrisiko, Marktpreisrisiko, Liquiditätsrisiko, operationelles Risiko, etc., zu verstehen sind und keine zusätzliche Risikoart darstellen sollen.

Nachdem das Risikoverständnis geklärt ist, befasst sich das Merkblatt mit Strategien, verantwortlicher Unternehmensführung und Geschäftsorganisation. Unternehmen werden dazu angehalten, Nachhaltigkeitsrisiken in ihre Geschäfts- und Risikostrategie zu integrieren. Dazu gehört auch, ein Verständnis für signifikante Nachhaltigkeitsrisiken zu entwickeln. Die Gesamtverantwortung für Strategie, deren Kommunikation und Umsetzung im Unternehmen obliegt der Geschäftsführung. Weiterhin ist sie dafür verantwortlich, eine den Risiken angemessene Geschäftsorganisation mit Verantwortlichkeiten, Prozessen, Ressourcen und Funktionen festzulegen.

Den Schwerpunkt des Merkblattes bildet das Risikomanagement. Es werden die Anforderungen an die Einbindung der Nachhaltigkeitsrisiken in die Risikoidentifikations-, Risikosteuerungs- und Risikocontrollingprozesse aufgezeigt sowie die Methoden zur Steuerung der Nachhaltigkeitsrisiken festgelegt. Hier sollen die Verantwortlichkeiten und die Vorgaben zur Identifikation, Beurteilung, Berichterstattung, etc. klar definiert und dokumentiert werden sowie regelmäßig auf Aktualität geprüft werden. Das Merkblatt geht zudem auf die Besonderheiten für nach KWG, KAGB und VAG beaufsichtigte Unternehmen ein.

Weiterhin gibt das Merkblatt vor, dass die Institute ihre bestehenden unternehmensindividuellen Stresstests überprüfen müssen, inwieweit die wesentlichen Nachhaltigkeitsrisiken abgebildet werden. Zudem geht das Merkblatt auf Szenarioanalysen, insbesondere auf Transitionsszenarien und Auswirkungsszenarien ein. Externe Stresstests sind nicht Bestandteil des Merkblattes.

Schließlich werden Fragen zur Auslagerung, zu Gruppensachverhalten und zur Verwendung von Nachhaltigkeitsratings erörtert.

Das Merkblatt stellt nach Einschätzung der BaFin eine sinnvolle Ergänzung zu den Mindestanforderungen an das Risikomanagement für Kreditinstitute, Versicherungsunternehmen und Kapitalverwaltungsgesellschaften dar.

Die Konsultationsphase wird am 03.11.2019 enden. Die BaFin sucht explizit den Dialog mit der Wirtschaft und interessiert sich besonders für Rückmeldungen zu Praxisnähe, den Beispielen und möglichen Auswirkungen.

Obwohl das Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken keinen juristisch verbindlichen Charakter hat, ist zu empfehlen, dem Anliegen der BaFin nachzukommen. Denn solche Vorgaben entwickeln sich in der Praxis häufig zum Branchenstandard. Das Team von impavidi unterstützt Ihr Institut dabei, ihre Risikomanagement-Prozesse im Hinblick auf die Beachtung von Nachhaltigkeitsrisiken zu untersuchen, den Handlungsbedarf zu identifizieren und passende Lösungen für Ihr Institut zu entwickeln.

Quelle: BaFin


 

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