02.03.2017: EZB läutet eine neue Ära des Meldewesens ein.

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In der EU stehen wir vor einem Paradigmenwechsel im Meldewesen: Von der Erhebung aggregierter Daten zur Lieferung granularer Daten in allen geldpolitischen Bereichen. Die derzeit gültigen Meldevorschriften fordern von den Kreditinstituten, eine Vielzahl an unterschiedlichen Typen von Meldungen (vorwiegend in aggregierter Form) an die Zentralbanken und/oder Aufsichtsbehörden zu übermitteln. Die Meldepflichten ergeben sich unter anderem aus den EU-weiten Standards, wie z.B. CoRep (Common Solvency Ratio Reporting) und FinRep (Financial Reporting), aus nationalen Regelungen, wie z.B. Solvabilitätsverordnung (SolvV), Liquiditätsverordnung (LiqV), Großkredit- und Millionenkreditverordnung (GroMiKV), aus bankstatistischen Meldungen wie der Bilanz- oder Zinsstatistik sowie aus der Außenwirtschaftsverordnung.

Dies hat zur Folge, dass sowohl Kreditinstitute als auch die Aufsichtsbehörden mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Meldeformularen konfrontiert sind, die unterschiedliche Meldezeitpunkte und Aggregationsstufen vorsehen. Bestimmte Informationen werden oft doppelt oder überlappend gemeldet. Alle Parteien, sowohl Kreditinstitute als auch Aufsichtsbehörden, stehen vor der Herausforderung, die Angaben der einzelnen Meldungen zu validieren und die Datenkonsistenz sicherzustellen.

Vor diesem Hintergrund will die Europäische Zentralbank (EZB) im großen Stil das Meldewesen europaweit harmonisieren und deutlich verfeinern. AnaCredit (wir berichteten im Artikel vom 25.01.2017 „Analytical Credit Dataset (AnaCredit) – Stand der Umsetzung“), welches im Januar 2018 in Kraft treten wird, ist hierbei nur der Anfang und ein erster Schritt in die Richtung eines einheitlichen Meldewesens. Die EZB setzt verstärkt den Fokus auf den Ausbau des „European Reporting Frameworks“ (ERF). Dieser Berichtsrahmen soll alle Datenanforderungen der EZB und alle Anforderungen der „Implementing Technical Standards“ (ITS) der Europäischen Banken Aufsichtsbehörde (EBA) europaweit zusammenführen, um die bisherige Praxis der Vielzahl sich inhaltlich überschneidender Reports unterschiedlichster Granularität abzulösen.

Nach dem Auftakt von AnaCredit soll die statistische Erhebung von granularen anstelle von aggregierten Daten auf weitere Bereiche ausgeweitet werden. ERF kann sukzessive auf alle für die Geldpolitik relevanten Erhebungen ausgedehnt werden und nach einigen Jahren auch für bankaufsichtliche Erhebungen eingesetzt werden.

In den kommenden Jahren werden die Statistiker der EZB mit AnaCredit erproben, wie der Wechsel von der Erhebung aggregierter Daten zur Lieferung granularer Daten vollzogen werden kann. AnaCredit ist für die EZB ein Testobjekt für ERF. EZB-Generaldirektor Statistik Aurel Schubert berichtet, dass sie zunächst beobachten werden, wie sich AnaCredit in den kommenden Jahren bewähren wird.

Mit der Einführung eines europaweit harmonisierten Meldesystems verfolgt die EZB das Ziel, die Datenqualität und Datenkonsistenz zu verbessern, die Datenverarbeitung sowohl auf Seiten der Aufsicht als auch auf Institutsseite effizienter und kostengünstiger zu gestalten sowie die Prüfung und Nachvollziehbarkeit der Daten sicherzustellen. Diese Daten stehen der EZB sowohl für statistische und geldpolitische Auswertungen als auch für aufsichtsrechtliche Zwecke zur Verfügung. Mithilfe dieser Daten können einerseits die Institute besser miteinander verglichen und dementsprechend effizienter überwacht werden, andererseits sollen Risiken innerhalb des europäischen Finanzsystems frühzeitig erkannt werden.

In ihrer Aufsichtsfunktion kann die EZB die Daten bestellen, die sie für nötig hält. Die Institute haben insofern das Nachsehen und müssen in Zukunft die geforderten Daten liefern. Mit dem Vorhaben der EZB kommt in den nächsten Jahren auf die Kreditinstitute ein erheblicher Mehraufwand und steigende Investitionskosten zur Umstellung des eigenen Meldesystems hinzu.

Was müssen Kreditinstitute im Meldewesen unternehmen?

Die in den Kreditinstituten vorhandene Meldewesen-Architektur wird in Zukunft nicht mehr ausreichen, um den höheren Ansprüchen der EZB an die zu erhebenden Daten und die Auswertungsgeschwindigkeit gerecht zu werden. Deshalb empfehlen wir eine grundsätzliche Revision des Datenmanagements durchzuführen. Institute, die derzeit aus verschiedenen Systemen ihre Daten zusammensuchen, sollten ihre Datenerhebung vereinheitlichen und auf eine zentrale Datenschicht zu heben, um EZB-Anfragen effizient und in der geforderten Qualität beantworten zu können. Neben der Umstellung der IT-Systeme müssen auf fachlicher Ebene die heterogenen Daten für Meldewesen, Controlling, Treasury und Risikomanagement vereinheitlicht werden. Hierfür sind alle Beteiligten im Institut gefordert, gemeinsam Lösungskonzepte zu entwickeln. Die IT und der Fachbereich Meldewesen sind allein nicht in der Lage, diese Mammut-Aufgabe in Zukunft bewältigen zu können.

Langfristig gesehen kommt ein europaweit einheitliches Meldewesen nicht nur der Geldpolitik und Finanzstabilität, sondern auch den Kreditinstituten zu Gute. So verspricht die EZB, dass sich der Aufwand für Institute durch optimierte Meldeprozesse verringern wird: Zukünftig relevante Daten werden auf feingranularer Ebene nur einmal an die Aufsicht geliefert und die weitere Verarbeitung der Daten übernimmt die EZB. So kann die Fertigungstiefe im Meldewesen auf Seiten der Kreditinstitute verringert werden, wodurch Kosten und Aufwand langfristig gesenkt werden können. Inwieweit sich dies bewahrheitet, bleibt abzuwarten. Zunächst steuern die Banken auf einen „Eisberg voller Arbeit“ zu, von dem AnaCredit nur die Spitze ist.

Wir wissen, dass der Strom an regelmäßigen Erweiterungen oder Neufassungen einzelner Vorschriften oder ganzer Meldekomplexe nicht abreißen wird. Der Änderungsdruck für Institute bleibt hoch. Hinsichtlich des immensen Vorhabens der EZB reicht es nicht mehr aus, einzelne Anpassungen vorzunehmen. Auf kurz oder lang müssen komplette Datenlieferungen umgestaltet oder neu entwickelt werden. Als unabhängiger Berater unterstützen wir Ihr Institut bei der Analyse der Anforderungen, der Revision Ihres Datenmanagements, der Konzeption und Umsetzung zu ändernder Datenanlieferungen und Mappings sowie dem Customizing und Test neuer Releases der jeweiligen Meldewesenlösungen, so dass auch in Zukunft vollständige, widerspruchsfreie und termingerechte Meldungen gewährleistet sind.

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